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(Geschlechter)Gerechtigkeit im Kulturbetrieb?

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(Zeitung 2006) Überlegungen zu den Grundlagen feministischen politischen Handelns … Sabine Benzer

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“talking about gender without a commitment to dismantling sexism, racism, and homophobia, can degenerate into nothing more than a talk show, with men trying to monopolize the (post) feminist conversation.”
Eve Kosofsky Sedgwick in: Between Men. English Literature and Male Homosocial Desire, 1985


Johanna Schaffer, Theoretikerin und Teilnehmerin an einem Workshop zum Thema „feministische, antirassistische Kulturarbeit“, argumentiert in der Tradition diskreter Differenzierung, wenn sie ihren Beitrag in der „Frauenstudie der IG Kultur Vorarlberg“ [1] mit einer Kritik beginnt.

Unter der Überschrift „Feministisch und antirassistisch“ enthielt die Frauenstudie einen Textteil, der besagte, das sie nicht ausschließlich auf die Bearbeitung der Diskriminierung durch die Geschlechtszugehörigkeit abziele, „sondern – mit dem Wissen, dass Diskriminierungen nicht allein Frauen betreffen – die Forderung nach spezifischen Fördermaßnahmen im Kulturbereich auch auf andere marginalisierte Gruppen ausweiten“ wolle.

Ausgehend von diesem Zitat aus der damaligen Version der Studie versuchte sie zu diskutieren, wie feministische und antirassistische Repräsentationen aussehen könnten und stellte dann auch ein grundlegendes Problem feministischer Politik und Wissensproduktion zur Debatte, das vor allem von lesbischen, migrantischen und transgender Positionen benannt wurde: Denn die Frauen, auf die sich die Forderungen der Studie bezogen, und die in diesem Zusammenhang dargestellt und repräsentiert wurden, sind insofern „unmarkiert“ [2] als dass sie allesamt normentsprechend, d.h. heterosexuell und mehrheitsösterreichisch gelesen werden. Die Kritik von Johanna Schaffer war und ist diesbezüglich, „dass diese Formulierungen und Repräsentationen einen Herrschaftsgestus weißer heterosexueller bürgerlicher Frauen darstellen, die den einen Punkt ihrer eigenen Diskriminiertheit ins Zentrum rücken und alle anderen Diskriminierungsachsen marginalisieren.“

Das „Frauen-Wir“?

Schon die US -amerikanische Philosophin Judith Butler [3] problematisierte [4], dass in der „weissen westlichen“ Feminismusdebatte die Bewegungen des materialistischen Feminismus, des postkolonialistischen Feminismus, des Feminismus in Ländern des Trikont etc. in den Theoretisierungen von „gender“ nicht als Teil des zentralen Anliegens des Feminismus behandelt wurden [5]. Butler wurde im Gegenzug zwar vorgeworfen, dass sie das „Frauen-Wir“, auf das sich politische Forderungen beziehen müssen, in Frage stelle, und damit die feministische Politik relativiere bzw. handlungsunfähig mache.

Aber Butler entgegnete diesem Vorwurf mit dem Argument, dass politisches Handeln niemals von abgeschlossenen, homogenen Identitäten ausgehen dürfe, die normierend und ausschließend wirken. Mehr denn je sei deswegen auch gefragt, die Kategorien, in deren Namen politisch gehandelt werde, als Ort der permanenten Auseinandersetzung offen zu halten für die verschiedenen Bedürfnisse.

Als eine wichtige Anfechtung gegen die etablierten Identitäten heterodominierter Normensysteme gilt heute Queer- (Politics, Movement –Studies) [6]. Entstanden als Kampagne des positiven Selbstbezugs auf das englische Schimpfwort „queer“ werden in der Absage an das binäre (Geschlechter-)System „Frau/Mann“ Grundlagen und Ziele politischen Handelns in Frage gestellt, die auf homogenen Gruppenidentitäten basieren. Ausgehend von der Prämisse queerer (Geschlechts)Identitäten tauchte zu Beginn der 90er Jahre ein bestehendes Konzept mit der Bezeichnung Sexual Citizenship auf [7], das eine Debatte um politische Rechte, Gerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe im Kontext von Sexualität und Identität initiierte. Aufgeworfen wurde die Frage nach den „sexuellen BürgerInnenrechten“, die nicht als bloße Durchsetzung bzw. Übernahme etablierter bürgerlicher Rechte verstanden wurden, sondern reflektierte, inwieweit demokratische Rechtsstrukturen heteronormativ oder ethnozentriert verfasst sind und konflikthafte Unterschiedlichkeiten aufgrund von Sexualität, Geschlecht, Klasse, Rassisierung oder Alter hierarchisierend normalisieren und damit ihre BürgerInnen dementsprechend ordnen und regulieren. Queere Perspektiven zielen jedoch gerade auf die Enthierarchisierung und De-Normalisierung, um die gesellschaftspolitische Praxis im Sinne emanzipatorischer Prozesse zu verändern.

Die Idee der egalitären Umverteilung

Jutta Weber wirft diesbezüglich eine weitere Frage auf, wenn sie in ihrem Artikel „Performing Post/Trans/Techno/Queer“ [8] die Pluralisierung von Identitätskonstruktionen auch im Zusammenhang mit neoliberalen Machttechnologien diskutiert. Persönliche Leistung und Eigenverantwortung ermöglichen – überspitzt formuliert – die flexible Herstellung von sexueller und geschlechtlicher Subjektivierung, je nach Bedarf. So wird z.B. auch die EU-Politstrategie des Gender Mainstreaming [9] von Susanne Schunter Kleemann [10] als neoliberales Konzept von Managing Diversity kritisch beurteilt.

Sind „multiple“ Identitäten im Sinne von Queer also nur eine weitere gewinnbringende Humanressource für zeitgemäße Unternehmen und ein attraktiver Beitrag für die medial inszenierte Event Gesellschaft?

Nancy Fraser, US-amerikanische Theoretikerin, sieht den aktuellen Feminismus in der Sackgasse, weil er zwar die Themen Identitätspolitik und Anerkennung bearbeitet habe, dabei aber verabsäumt hätte, ihn zu einer breiteren historischen, vor allem ökonomischen Entwicklung in Beziehung zu setzen, um damit auch die Ursachen und Auswirkungen einer „Superflexibilisierung“ zu bekämpfen. „Die totgeglaubte Ideologie vom freien Markt“, wie sie den seit den 90er Jahren erstarkten Neoliberalismus beschreibt, stellt die keynesianische Wirtschaftspolitik in Frage und bedeutet ein massive Attacke auf die Idee der egalitären Umverteilung: „Wo der Wohlfahrtsstaat zerbricht ist keine Rede mehr davon, sein Prinzip von der Klasse auf das Geschlecht auszudehnen.“ Fraser spricht von einem „Cultural Turn“, einer „Kulturalisierung“ sozialer und ökonomischer Probleme: statt um soziale Gleichheit gehe es nun in erster Linie um kulturelle Veränderungen. Unter Berücksichtigung dekonstruktivistischer Ansätze, mit der Etablierung der Gender und Postcolonial Studies, Transgender und Queer Theory kann das, was Fraser als „Cultural Turn“ abtut, jedoch durchaus weiterhin als reflexive Basis für zeitgemäße feministische Politik gelten.

Ein emphatischer Rückzug auf ein -selbstverständlich hinterfragbares- „Frauen-Wir“ wird auch weiterhin dann politisch zielführend sein, wenn gesellschaftliche Ungleichheiten entlang der Geschlechterachse anzuprangern sind. Fakten, die auch im Kultur- und Kunstbereich belegbar sind: So bringt die Kommunikationswissenschafterin Marie-Luise Angerer in ihrem Forschungsprojekt ‚Frauen in der österreichischen Medien- und Kulturindustrie’ den Terminus ‚Feminisierung’ ins Spiel. ‚Feminisierung’ bedeutet nicht nur eine Zunahme von Frauen in bestimmten Berufssektoren, sondern bezeichnet auch die Veränderung der Struktur eines betroffenen Berufssegmentes in Richtung Prestigeverlust, Verminderung der Aufstiegschancen, niedrigeres Lohnniveau, usw [11].

Und tatsächlich untermauern um die Jahrtausendwende zwei Publikationen – Edith Almhofer ‚Die Hälfte des Himmels. Chancen und Bedürfnis kunstschaffender Frauen in Österreich` [12] und das Forschungsprojekt von Mediacult ‚Frauen in Kunst-, Kultur und Medienberufen in Österreich’ [13] – die Tatsache, wie prekär sich die Bedingungen für Frauen in diesem Feld entwickeln. Sie zeigen aber auch sehr deutlich, wie dringend notwendig Verbesserungen der Produktions- und Rezeptionsbedingungen für Künstlerinnen und Kulturarbeiterinnen sind.

Umverteilung jetzt!

Es bleibt zu sagen, dass die Forderung nach einem (geschlechter-)gerechten Sozialsystem – gerade auch für den Kulturbereich – nicht mehr hinter die theoretischen Debatten a la Butler zurückkehren kann. Vor allem wenn sie unter anderem davor warnt, das wir im Bemühen um Partizipation, BürgerInnenrechte und soziale Gerechtigkeit gerade diejenigen Herrschaftsmodelle zu übernehmen drohen, die uns unterdrücken [14]. Selbstverständlich sind diese Überlegungen und Erkenntnisse immer wieder aufs Neue zu diskutieren; nicht zuletzt um sie auch davor zu bewahren, als neoliberale Strategien instrumentalisiert zu werden.

Man kann sich Fraser dort nur anschließen, wo sie die „neoliberalen Techniken der Selbstsorge“ vehement ablehnt und ihre „Geschlechtergerechtigkeit neu“ situiert – und zwar in einem mehrdimensionalen Feld, in dem soziale Umverteilung, aber auch Anerkennung und Repräsentation gleichermaßen eine Rolle spielen.

Konkret heißt es auf die Umsetzung der Forderungen der Bundesvernetzung kulturschaffender Frauen, des Maßnahmenkatalogs der IG Kultur Vorarlberg und selbstverständlich –sozusagen als soziale, rechtliche und ökonomische Basis- auf die Umsetzung des Frauenvolksbegehrens [15] zu pochen. Allerdings sind diese Forderungen unter Einbeziehung queerer und antirassistischer Positionen zu erweitern. Es kann nicht nur Ziel sein, die diskriminierenden Implikationen einer Geschlechtszugehörigkeit abzuschaffen, sondern ebenso die mit Pass und/oder Hautfarbe, sexueller Ausrichtung, Alter und ökonomisch bzw. sozial bedingten Unterschieden verbundenen Ungleichheiten.

Ausführliche Forderungspapiere von zwei Interessensvertretungen beinhalten darauf bezogene politisch notwendige Schritte: Es ist dies der Maßnahmenkatalog der IG Kultur Vorarlberg Frauenstudie unter www.igkultur-vbg.at sowie der Forderungskatalog der Bundesvernetzung kulturschaffender Frauen unter www.fiftitu.at .


Sabine Benzer ist Kulturarbeiterin am Theater am Saumarkt und Vorstandsmitglied der IG Kultur Vorarlberg


Anmerkungen

[1] Creating the Change, Beiträge zu Theorie & Praxis von Frauenförder- und Gleichbehandlungsmaßnahmen im Kulturbereich, Verlag Turia + Kant 2006
[2] „Diese Positionen haben oftmals Kritik an „tradierten“ (kanonischen, etablierten) feministischen Formulierungen vorgebracht – Kritik an feministischen Repräsentationen, die das Bild einer gesellschaftlichen Gruppe oder Klasse – „Frauen“ – konstruieren, deren Angehörige sich in genau einer Hinsicht von der gesellschaftlich dominanten Norm unterscheiden – und darin auch gleich sind: in der Tatsache, dass sie nicht männlich sind. Alle anderen Arten und Weisen, ein Leben als nicht-männliches, oder weibliches Subjekt zu leben jenseits der gesellschaftlichen Norm, bleiben in diesen Repräsentationen von „Frauen“ unerwähnt, damit unmarkiert – und damit Norm entsprechend.“
[3] S. 37 in: Judith Butler, Das Ende der Geschlechterdifferenz, Konturen des Unentschiedenen, Interventionen 6, Zürich 1997.
[4] Im feministischen Diskurs existiert die Unterscheidung zwischen ‚sex’ als biologischen Geschlecht und ‚gender’ als sozialem Geschlecht. Gegenstand aller politischen Bemühungen um Gleichbehandlung betreffen das soziale Geschlecht, das über bestimmte soziale, politische und ökonomische Verhältnisse repräsentiert wird.
[5] Gender sei keineswegs zentraler als die Kategorie Rasse, koloniale Stellung oder Klasse.
[6] Vgl. Yo Taubert, GO DRAG! GenderQueer …, S. 83 in: S. Benzer (Hg.), Creating the Change, Wien 2006.
[7] Konzept von David Evans, siehe S. 16 in: Sexuelle Politiken. Politische Rechte und gesellschaftliche Teilhabe, in: questio (Hg.), Queering Demokratie, Berlin 2000
[8] Jutta Weber, Performing Post/Trans/Techno/Queer, in: Th. Frey Steffen u.a., Gender Studies. Wissenschaftstheorie und Gesellschaftskritik, Würzburg 2004
[9] Im Vertrag von Amsterdam 1999 beschließt die EU „Ungleichheiten zu beseitigen und die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern“.
[10] Schunter-Kleemann, Susanne, Was ist neoliberal am Gender Mainstreaming?, in: Widerspruch. Beiträge zur sozialistischen Politik 44, 2003
[11] Marie-Luise Angerer, Frauen in der österreichischen Medien- und Kulturindustrie, Wien 1994, Forschungsbericht.
[12] … Almhofer, Edith, u.a., Die Hälfte des Himmels, Chancen und Bedürfnisse kunstschaffender Frauen in Österreich, Gumpoldskirchen 2000.
[13] … Harauer, Robert & Monika Mokre, Elisabeth Mayerhofer, Klaus Draskowitsch, Frauen in Kunst-, Kultur und Medienbetrieben in Österreich, Wien 2000, Mediacult-Studie.
[14] Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/Main 1995
[15] Frauenvolksbegehren 1997

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